Pfingstgedanken

 

Bramfeld, 3. Juni 2020

Liebe Geistgeschwister,

am vergangenen Sonntag haben wir das Pfingstwunder gefeiert. Endlich auch wieder gemeinsam mit zwei Gottesdienst-Andachten in der Simeonkirche. Ja, unter Auflagen – mit Abstand, Personenbegrenzung, ohne gemeinsamen Gesang und einem Hygiene- und Schutzkonzept – aber wieder mit- und beieinander. Und darauf habe zumindest ich lange und sehnsüchtig gewartet.

Warten müssen auch die Apostel – mal wieder. Sie haben sich zu Pfingsten in einem Haus versammelt, als das Brausen und Stürmen ihre Ohren, Köpfe und Herzen erfasst. Für unsere aufgeklärten Ohren ist die Pfingsterzählung eine Herausforderung. Flammen setzen sich auf die Köpfe der Apostel und entflammen sie mit einer ungeahnten, alles ergreifenden Leidenschaft. Feuer vom Himmel, Gottes Geist sorgt für einen Mut-Anfall. Sie eilen heraus und können plötzlich in der jeweiligen Muttersprache zu den Menschen reden. Das ist unbegreiflich. Unbegreiflich schön.

Unbegreiflich schön wie die Liebe. Die Liebe ist mir bis heute ein wunderbares Rätsel geblieben. Plötzlich – so schien es mir wenigstens – war ich verliebt. Ich sah den Menschen, dem meine Liebe galt, mit anderen Augen und hätte (und habe)  stundenlang erzählt, wie ich mich fühle und warum dieser Mensch so außergewöhnlich und wundervoll ist. Mit der Liebe entbrennt Be-geisterung und Leidenschaft. Das gilt für Menschen, aber auch Sachen, die ich tue und glaube. Wovon ich überzeugt bin, was ich mit und aus Liebe tue, beflügelt mich und sorgt für ungeahnte Mut-Anfälle. Die Liebe gestehen, andere von der eigenen Meinung überzeugen oder für eine Sache be-geistern.

So geht es auch den Aposteln. Be-geistert erzählen sie von der Liebe Gottes, die sie erfahren haben; von der sie durchdrungen sind. Dieses unbeschreibliche Gefühl, dieses lebensstiftende Geschenk wollen sie nun unbedingt teilen – verteilen.

Und diese Liebe kennt keine sprachlichen Grenzen. Die Liebe spricht ja selbst eine ganz eigene Sprache. So verstehe ich die Erzählung. Die geistgeschenkte Liebe ermöglicht es den Aposteln in Liebe über die Liebe zu sprechen. Das berührt die Menschen und sie verstehen jedes Wort, sie spüren die Herzenshaltung der Apostel. Sie bemerken, dass sie gemeint sind. Ihnen allen gilt die Liebe Gottes. Und das wiederum können sie nicht gleich verstehen und annehmen. Nichts ist eigentlich leichter als die Liebe einer anderen anzunehmen, gleichzeitig ist es aber auch unendlich schwer. „Bin ich die Liebe wert? Was ist denn liebenswert an mir? Gebe ich denn auch genug zurück?“

Die Liebe Gottes ist unbegreiflich und bedingungslos. Unseren Verstand so übersteigend wie das Pfingstwunder selbst. Deswegen braucht es die Heilige Geistkraft, die unser Herz für die Liebe öffnet und uns die Sprache der Liebe verstehen und sprechen lehrt. Darauf und dahinein werden wir getauft. Damit wir wie Luther uns immer wieder sagen können: „Ich bin getauft.“ Gottes Liebe macht mich jeden Tag neu. Unabhängig davon, ob ich mich wertvoll und liebenswert finde!

Ab jetzt weht hier ein anderer Wind! Der Wind der Liebe und Versöhnung! Der Wind, der mich beflügelt und Mut-Anfälle erzeugt. Mut, „Ja“ zu sagen zur Liebe und dem Leben, in aller Verletzbarkeit und Unsicherheit!

Wer von Gottes Geist der Liebe inspiriert ist, findet dann auch für andere Sprache und Worte der Liebe und des Verständnisses. Und solche Worte brauchen wir gerade jetzt so dringend.

Eine Sprache der Liebe für die Hetzer und Verschwörungstheoretiker. Worte der Zuversicht und Hoffnung für die Verzagten und Ängstlichen. Eine Sprache der Versöhnung für die Opfer und Täter von rassistischer und diskriminierender Gewalt. Worte des Vertrauens und Mitfühlens für die Kranken und Sterbenden. Und eine Sprache für uns selbst, die uns Gottes Liebes- und Lebensworte verstehen lässt!

Bleiben Sie behütet und be-geistert!

Ihre Pastorin Gwen Schwethelm

 

 

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