Gedanken zur diesjährigen Weihnacht

Gedanken zur diesjährigen Weihnacht

Vielleicht lesen Sie diese Zeilen in einer ruhigen Minute, vielleicht in einer sehr ruhigen Minute. In diesem Jahr sind wir, so viele, viel stärker auf uns selbst zurückgeworfen als in anderen Jahren. Damit umzugehen fällt schwer.

Ich erinnere mich an ein Weihnachten als Jugendliche, da war ich in einem völlig entvölkerten Krankenhaus, fernab von der Familie. Am Nachmittag saß ich immerhin mit zwei Pflegern zusammen, die ein paar Kekse und Kerzen dabei hatten. Dafür war ich sehr dankbar. Aber die meiste Zeit war ich allein. Das war hart. Immerhin würde ich in ein paar Tagen nach Hause gehen können.

Ich erinnere mich an die ersten selbstgewählten Weihnachten fernab der Familie, da überkam mich unter den wirklich sehr netten jungen Menschen, mit denen ich feierte, trotzdem zeitweise eine bohrende Einsamkeit und ein Gefühl von Verlust. In den Jahren war ich auch nicht in der Kirche, diesem Sehnsuchtsort, schade.

Und nun? In dieser Mischung von Vernunft und Ratlosigkeit, Fürsorge für andere und Absagen findet Weihnachten vermutlich auch bei Ihnen ganz anders statt als sonst.

Auch wenn Sie es schaffen sollten, dieses zurückgezogene Weihnachten zu begehen, „feiern“ ist stimmungsmäßig vielleicht schon eine zu hohe Erwartung, so ist das Gefühl dazu doch ein anderes als in den anderen Jahren, nicht wahr? Der Unterschied zu persönlichen Beispielen: das geht in diesem Jahr allen so, dass es anders ist. Pandemie eben.

Die meisten haben sich mittlerweile darauf eingestellt, vielleicht Sie auch. Sie haben Enttäuschung um Enttäuschung beiseite geräumt, bis sie einen festen Stand und eine Möglichkeit gefunden haben, wie das nun gehen kann mit Weihnachten. Sie mussten Enttäuschungen von anderer Seite, vielleicht von den Liebsten aushalten, vielleicht gab es schon Konflikte im Vorfeld, nun ist es wie es ist. Auch ganz schön, vielleicht trotzdem bedrückend wegen der vielen Kranken.

Was nährt mich, wenn ich auf mich selbst zurückgeworfen bin? Wenn es dicke kommt und dünne bleibt? Ich meine, da haben wir alle unsere Möglichkeiten, die guten und auch die schlechten. Wir haben unsere Erinnerungen, an schlimme Weihnachten, aber auch an schöne. Ein Weihnachten mehr, das irgendwie ungewöhnlich ist.

Aber, was ich als junge Frau nicht so genau wusste, wir können, ich kann in einer ruhigen Minute nach meinem Glauben suchen, nach diesem Sehnsuchtsort, der nicht nur in einer Kirche zu finden ist, sondern am Ende doch in mir selbst.

Wenn uns dieses Weihnachten etwas lehrt, dann ist es, dass Gemeinschaft, Beisammensein, Tun und Machen ganz großartig sind, und dass wir das auch dringend wieder brauchen; aber es ist auch existentiell wichtig, dass ich mit mir selbst gut auskomme. Es könnte da helfen, wenn ich mich mit meinem Glauben, so unsicher er sein mag, vor Gott nicht verstecke, sondern ihm Raum gebe.

Wenn uns dieses Weihnachten etwas lehrt, dann ist es m. E. das: dass wir in diesem Jahr (das sage ich als Pastorin, die in diesem Jahr nicht auf einer Kanzel in einer vollen Kirche steht) viel näher an der Ungeborgenheit und Verletzlichkeit des Christuskindes, der Heiligen Familie im Stall, den Hirten auf dem Felde dran sind. Gott hat sich der Ungeborgenheit unserer Welt ausgesetzt. In Jesus Christus, dem Kind in der Krippe. Gott hat uns damit ein großes Geschenk gemacht, dass unser Alleinsein zu ihm führt, zur Krippe führt, und uns nährt, so dass es weitergehen kann.

Ja, das Gefühl der Ungeborgenheit kenne ich. Hin und wieder. Zu oft brauche ich das Gefühl, ehrlich gesagt, nicht. Es ist schmerzhaft. Aber wenn es mich trifft, Gott ist mit mir, genau auch jetzt. Es ist gut, dass sich auch diese Gefühle bei Gott finden. Ich finde es tröstlich.

Gott sei mit Ihnen, genau auch jetzt. Sein Segen begleite Sie, genau auch jetzt, in der Weihnachtszeit und in das neue Jahr.

 

Pastorin Susanne Lehmann

 

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