Andacht und Tagesgebet zum Sonntag Judika von Prädikant Frahm

Andacht

 

Lesung (Predigttext): Hebräer 13,12-14

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Philipperbrief 4,7

Draußen vor dem Tor – heißt es im Hebräerbrief.
Jetzt stehen wir draußen. Unsere Kirchen sind ‚kein feste Burg‘ mehr - wie wir zur Reformation singen - , kein Gotteshaus aus Stein, das uns schützt vor dem bösen unsichtbaren Feind.
Wir sind nicht mehr in unserem kirchlichen Gebäude zu hause. Ein Ort der Verkündung, des Gebets und gemeinsamen Singens, ein Ort des Schutz und Trostes in der lärmenden Welt wird jetzt durch den Corona-Virus zum möglichen Ansteckungsort. Wir sind ausgesperrt durch eine große unsichtbare Macht. Wie so viele böse Mächte kann auch ein Virus nicht allein leben, sondern braucht uns Menschen als Wirt und Überträger. Und wir erleben die paradoxe Situation, dass der Abstand vom Nächsten ein Ausdruck der Nächstenliebe ist.

Der Glaube hilft und wir helfen als Gottes Werkzeuge in Achtsamkeit und Nächstenliebe.

Wir sind an diesem Sonntag „Judika“ mitten in der Passionszeit von Jesus, unserem Christus, und wir sind wohl am Beginn einer menschlichen Leidenszeit in Zeiten des Virus.

Judica me“, beginnt auf Lateinisch der 43. Psalm, der diesem Sonntag seinen Namen gegeben hat: „Richte mich, Gott“, aber auch „Gott, schaffe mir Recht“. Richte mich – nicht nur wie ein Richter -, sondern auch wie einer, der mich führt und begleitet - der mich ausrichtet.
Und Lieber Gott, Vater und Mutter zugleich, richte mich auf -  
gib mir Mut und Zuversicht.
Der Psalm entfaltet sich in all seinen Facetten in unserem Leben – klagend, hoffend, suchend und tröstend. Wir hören ihn und können ihn wie ein vertrautes Lied immer wieder neu hören und fühlen.
Und am Ende des Psalms ermuntert er:
„Was bist du so bedrückt meine Seele ? Warum bist du so aufgewühlt ? Halte doch Ausschau nach Gott“.

Wir glauben und finden Trost darin, dass Jesus in der Auferstehung den Tod überwunden hat, während wir jetzt von menschlicher Angst vor Krankheit und Tod umgeben sind.  - Richte uns auf, Herr.

Der ferne Brief an die Hebräer aus der Zeit um 80 nach Christi Geburt – der heutige Predigttext - ist kein Brief an eine Gemeinde, wie es die Briefe von Paulus sind. Er ist eine Predigt, eine Mahnrede, an die ermüdete Christenheit.
Der erwartete Jesus ist den urchristlichen Gemeinden immer noch nicht wieder – körperlich - erschienen, der Verfolgung der Christen nimmt zu – die Gemeinden sind mürbe geworden.

Die Verfasserin ruft in ihrer Predigt auf:
„Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.

Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie verunreinigt werden Hebräer 12,12-14.  

Werft eure Glaubenszuversicht, euer Vertrauen nicht weg, „denn Ausharren habt ihr nötig, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung davontragt.“ Hebräer 10

Die Verfasserin ist – so vermutete als erster der Theologe Adolf von Harnack vor hundert Jahren - Priska. Die Missionarin Priska und ihre Ehemann Aquila mussten – wie alle Juden – Rom 49 nach Christi Geburt verlassen. Sie flohen nach Korinth, wurden Mitarbeiter von Paulus, und gingen von dort in die Gemeinde nach Ephesus.

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.“
Hebräer 13-14.
Jesus Christus ist „draußen vor dem Tor“  -  vor den Toren der Stadtmauer Jerusalem ist er gekreuzigt worden. Die frühen Christen wurden aufgerufen, ihm nach draußen – vor die Stadt zu folgen. Dort beim Gekreuzigten ist der Platz der Gemeinde – nicht an den Tischen der Herrschenden:  So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.
Wenn wir in diesen Tagen Jesus Christus im Leid der Passionszeit und im Jubel der Auferstehung folgen,  wird es ein leiser Weg werden in uns hinein und zu dem Allernächsten.
Im Geiste folgen wir nach draußen vor die Stadt – zu den bedürftigen und gemarterten Menschen.

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ Hebräer 13,14. Keine bleibende Stadt, denn die jetzige Erde ist kein Sehnsuchtsort.

Im Lied bitten wir Gott:
Komm doch in unsere aufgeregte Welt und unser verdunkeltes Herz, „dass wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte für den Weg durch Lärm und Streit hin zu deiner Ewigkeit“ Evangelisches Gesangbuch, 428: „Komm in unsere stolze Welt“ .

Der Friede Gottes, der höher ist als alle  Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus -

Der Gruß am Anfang der Andacht kommt aus dem Philipper-Brief.

Es scheint uns sehr vernünftig zu sein, was jetzt von Regierung und Parlamenten beschlossen und durchgesetzt wird, um Menschen zu retten – um uns in unserem  Mensch-sein zu bewahren.
Und der Friede Gottes ?
Er lässt uns hinausschauen, auf die Zeit nach der Leidenszeit – auf unser Ostern nach der Pandemie.

„Gott is bi di. Wees man nicht bang !
Sünd ok de Tieden swaar <schwer> und drang <bedrängend>,
Gott is bi di, verlett di nicht.
He is dien Trost, dien Kraft un Licht.“ Evangelisches Gesangbuch 605, 1

Amen

 

Tagesgebet ( Judika – 29.3.2020)

 

Herr, was wird werden

wenn eines Tages – näher oder ferner -

unsere Freude wieder die Parks und Straßen fluten wird,

wenn wir uns umarmen werden

und uns beim Zubinden der Schuhe helfen auf dem Lebensweg?

Wenn wir uns suchen werden, vorsichtig fragend:

Was ist aus uns geworden?

Wir schienen doch gleich, werden wir wieder ungleich -

Vereinzelt in der Menge, statt zusammen im Abstand?

 

Herr, was wird werden

wenn eines Tages – näher oder ferner

wir nach dem ersten Schwindel im neuen Frühling,

dann nicht mehr das finden,

was uns gehalten hat, was wir erhalten wollten:

Freude, Dankbarkeit, Achtsamkeit, Nächstenliebe –

bezaubernden Ideen und wunderbare Hilfen.

Wo ist es dann in uns –

wo haben wir es dann in uns abgelegt?

 

Herr, was wird werden?

Können wir innehalten und an dich denken?

Werden wir im Taumel über das neue Leben wieder vergessen
all die Stille,

den Vogelgesang statt Straßenlärm

den Blick der Augen - den Augenblick

die Ohren nicht mehr vor dem Getöse zuzuhalten, um unser Herz zu hören

Wenn wir die Nähe des Nächsten nicht in der Zuwendung spüren,

sondern im Gedränge befürchten?

 

Herr, was wird werden,

wenn die Perlen des Lachens die Angst zerplatzen lässt?

werden wir verlieren, was wir gewonnen haben?

Werden wir uns neu entdecken?

Herr, werden wir dich in uns entdecken

Hast du dann eine Herberge in uns gefunden?

Amen

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